Das bewegende Portrait einer Geburtsklinik in Wien gibt einen faszinierenden Einblick in das Drama, den Schmerz und die Schönheit des In-die-Welt-Kommens. In ihrer ganzen Intensität und Unterschiedlichkeit wird das alltägliche Wunder der Geburt mit den Mitteln des Direct Cinema gezeigt und verbunden mit dem Zyklus der begleitenden Abläufe im Krankenhaus. Eine Chronik vom Beginn des Lebens – und dessen Organisation.
SYNOPSIS
Eine Geburtsklinik in Wien ist der Ausgangspunkt von Constantin Wulffs bewegendem Dokumentarfilm IN DIE WELT. In der besten Tradition des Direct Cinema stehend verzichtet der Film zur Gänze auf Kommentar, Interviews und Musik sowie auf jegliche Exposition: Der Zuseher wird kurzerhand mitten ins Geschehen gestoßen. Durch die Kunst der sorgfältigen Montage fügen sich die faszinierenden Beobachtungen und Mikrodramen des Krankenhausalltags zu größeren Themen, die weit über ein bloßes Klinikporträt hinausreichen und sich zu einer Art Gesellschaftsbild rund um die Geburt fügen.
Charakteristisch für die Komplexität des Films ist die Darstellung der ersten Geburt im Film: sie ist mit über zehn Minuten Dauer dessen längste Szene und eine seiner intensivsten – und je nach Perspektive der Beteiligten selbstverständliche Routine oder großes Drama. Mit anderen nicht weniger souverän dokumentierten Szenen wird so ein kleines Panorama des vielfältigen Alltags des In-die-Welt-Kommens zwischen Schmerz und Glück entworfen, das ins große, faszinierende Panorama seiner institutionellen Umstände gebettet ist.
Wie um das Singuläre und Abenteuerliche einer jeden Geburt zu betonen, beginnt der Film mit einem kritischen Moment: ein Baby im Brutkasten, Diagnose ungewiss. Nach dem Titel folgt dann die Schilderung der Zyklen des Klinikalltags: von Untersuchung zu Untersuchung, von Ultraschall zu Ultraschall. Zwischen die individuellen Mikrodramen montiert sind hintersinnige kleine Beobachtungen und vor allem leitmotivisch wiederkehrende Vorgänge. Der Film zeigt die notwendigen, „versteckten“ Abläufe wie das Ordnen von Medikamenten und Operationsbesteck, das Analysieren von Daten, das Messen, Waschen, Füttern der Kleinkinder und natürlich die unauffällige Allgegenwart des Putzpersonals. Und über allem, repräsentiert durch stets wachsende Aktenberge, das unvermeidliche Wuchern des organisatorischen Aufwands. IN DIE WELT ist eine Chronik vom Beginn des Lebens – und dessen Organisation.
Nichts macht die Fragilität des Menschenlebens augenfälliger als der Anblick Neugeborener. Insofern startet der Film „In die Welt“, in aller Ruhe zwar, mit einem alarmierenden Bild: mit der Ansicht eines keuchenden Säuglings im Brutkasten. Ein Baby hinter Plexiglas, doppelt abgeschirmt in der Intensivstation einer Wiener Frauenklinik: Das ist die innerste Zelle der Welt, von der diese Arbeit berichtet. Der Film, die Studie einer Institution, zeigt Alltägliches, zugleich Existenzielles: eine Expedition durch Schwesternzimmer und Geburtsstationen, durch Anmelde-, Warte- und Untersuchungsräume.
Im guten Wissen, dass er nicht der Erste ist, der an einem solchen Ort dreht, verweigert Regisseur Constantin Wulff Fernsehkonventionen: Er liefert keine rund erzählten Porträts werdender Mütter, keine „Was-wurde-aus“-Geschichten, keine der klassischen human interest stories, die sich gleichsam automatisch an das Thema zu binden scheinen. „In die Welt“ führt anderes vor: knappe, hervorgehobene Episoden von der Verwaltung der Klinik und den Erlebnissen anonymer Schwangerer in den Mühlen der medizinischen Verwaltung, der sie sich anvertraut haben. Ein Werk der Betulichkeit wird man diesen Film nicht nennen können: Wulff thematisiert, ganz sachlich, auch den massiven Schmerz des Geburtsvorgangs, jenes atavistischen physischen Akts, der hier anhand dreier Beispiele in einer fein kalibrierten Mischung aus Diskretion und explizitem Blick dargestellt wird.
„In die Welt“ ist Direct Cinema im Wortsinn: direktes, mitreißendes Kino – ohne den Einsatz lenkender Musik oder intervenierender Filmemacher. Wulff zeichnet, begleitet von der reaktionsfähigen Kamera Johannes Hammels, ein ebenso vielfältiges wie unsentimentales Bild von den Möglichkeiten und Komplikationen des Entbindens in einem dafür vorgesehenen Betrieb: das Wunder Mensch als institutionelles Routineprodukt.
Stefan Grissemann